"Im Herbst 1991 hörte ich zum ersten Mal Keith Jarretts "Köln Concert". Ich war sechzehn und hatte in den vergangenen acht Jahren manches Klavierstück gespielt, das ich liebte und das mich nicht mehr losließ.
Jedoch waren sie alle mit Noten festgehalten, und im Klavierunterricht wurden exakte Spielweisen besprochen und geübt. Ich wurde dazu erzogen, die Musik zu zähmen und zu kontrollieren, ihr ein Korsett anzulegen. Auch die Spielformen des Jazz, mit denen ich bis dahin in Berührung gekommen war, hatten etwas Sperriges, Kopflastiges, Theoretisches - ein "Warum eigentlich genau so und nicht anders?" drängte sich oft ins Bewusstsein.
Das "Köln Concert" ist von völlig anderer Natur. Hier ist es die Musik selbst, die die Kraft ausübt, der Musiker steht in ihrem Bann und wird von ihr gelenkt. Es geht nicht mehr darum, Vorgaben richtig umzusetzen, sondern loszulassen, sich zu verlieren, die Kontrolle abzugeben anstatt sie zu üben. Ich wusste: So wollte ich spielen.
Seitdem ist viel passiert. Die intensive Beschäftigung mit den Klavierkonzerten Rachmaninoffs, insbesondere dem dritten, war von großer Bedeutung für mich. Dank des Klavierstudiums bei Wei Tsin-Fu konnten meine Hände plötzlich schwierigste Technik bewältigen; vieles war einfach, was früher eine Herausforderung war. Zahlreiche Auftritte und Konzerte, solo und in den
verschiedensten Besetzungen folgten und prägten meinen Alltag.
Das Köln Concert und sein einfaches Hauptmotiv begleiteten mich die ganzen Jahre über. Das musikalische Denken und Fühlen, das mit ihm verbunden ist, wurde mir zur Sucht. Und es bescherte mir Momente, die ich zu den glücklichsten meines Lebens zähle."